Spaceshipismus

Eine kosmische Religion fand ihren Ursprung in den fernsten Sphären meiner heimischen Galaxie. Es gab Orte und Zeiten in denen ich mein Raumschiff durch die intergalaktischen Strudel und Stürme navigierte und mit voller Schubkraft endlos ins Endlose zielte. Mit striktem Kurs auf etwas, das sich ständig außerhalb des Radius meines Bordcomputers zu befinden schien. Ein Etwas dessen Existenz noch kein menschlicher Forscher der dokumentierten Erdgeschichte beweisen konnte. Meine Mission nannte sich „Traumtänzer“ und ich wurde entsandt um ein mystisches Etwas zu entdecken, dessen vermeintliche Präsenz dem gesamten Dasein einen sinngebenden Inhalt zusprechen sollte.

Ich bereiste unzählige Sonnensysteme in tausenden Galaxien. Traf auf zahlreiche Lebensformen und lernte duzende Sprachen. Ich experimentierte mit zuvor unbekannten Materialien und erlangte revolutionäre Erkenntnisse. Doch keines meiner Ergebnisse lieferte mir Aufschluss darüber wo ich jenes Etwas antreffen könnte.

Ich kehrte also in meine einheimische Galaxie zurück. Reich an Wissen, arm an Weisheit. Ein verzehrter Reisender der dem Durst der Suche unterlag und den letzten Tropfen Leidenschaft verdunsten ließ. Aus diesem Licht richtete ich meinen Blick zu all den erforschten Sternenhaufen und verfluchte bald mein umfassendes Wissen über das Antlitz dieser fernen Sonnen. Bekannte Gesichter. Fade Fratzen. Alle Unbedeutend und Inhaltslos. Dort Draußen gibt es nichts. Keine Wahrheit. Keinen Sinn. Keine Schönheit. Keine Vollkommenheit. Kein Etwas.

Ein unendlich leeres Universum an das ich gekettet bin. Ich, der einsam in seinem Raumschiff dem Tot entgegen altert. Ich, der seiner selbst müde geworden ist. Ich, der alles kennt und trotzdem von Unwissenheit geplagt wird. Ja, sogar nicht einmal weiß, ob er jemals etwas wissen wird!
Ich weiß lediglich, dass ich bin. Ich weiß, ich bin. Ich bin. Irgendetwas. Ich bin ein Etwas. Ich bin das einzige Etwas von dem ich weiß, dass es ist. Das Etwas bin ich!

Und so zog sich alles was ich zu wissen glaubte in sich zusammen. Alles Seiende, jeder Stern, sämtliche Planeten kollidierten in einem gigantischen Supernova und formten unter einem letzten kosmischen Aufschrei das mächtigste und stahlendste schwarze Loch.

Leere.

Stille.

Der Ort an dem es kein Dortiges oder Hieriges mehr gibt und das bloße Dasein sich in die Unendlichkeit wölbt. Wo alles Zeitliche seine trügerische Maske hebt und es keinen Unterschied mehr macht, ob der Raum unermesslich groß oder klein ist. Wo alle Worte sich von den Dingen entfernen denen sie gleichen sollten und jeder Gedanke ziellos durch das Nichts irrt.

Dort also erwuchs er, der Blick für die Fremdheit und Absurdität aller Dinge und Undinge. Aus meinen Ferngläser schaut nun kein Fremdling mehr, sondern ein personenloses Fragezeichen, das sein Sichtfeld mit einer ewig währenden Frage zum antworten zwingt.  Und nun scheint es mir, als wäre jedes bereits benannte Sternbild, durch die gewölbten Gläser meines Erdsatelliten bis zur Unkenntlichkeit entstellt und verzerrt. Als wären alle bereits bereisten Sonnensysteme plötzlich beherrscht von einer absoluten Unerklärlichkeit und jede Umlaufbahn der zuvor berechneten Bahnen vollauf entgegengesetzt.

Ich habe etwas gefunden, nur die Welt eifert noch auf ziellosen Pfaden dem Gesuchten entgegen. Eine spektakuläre Suche. All dieses Werden und Vergehen, wie es schwer lächelnd auf den Seilen zwischen Ankunft und Aufbruch tänzelt. Die Welt scheint von einem rastlosen Wesen besessen zu sein, das mit strenger Hand und sanfter Güte die Existenz zum ewigen existieren einlädt. Gott feiert ein kosmisches Fest und wir sind alle dazu eingeladen zu dieser sakralen Harmonie ein Tänzchen beizuführen.

So nun, horche ich dieser vollkommenen Melodie, die an den hohen Wänden meines Raumschiff-Klosters kraftvoll wiederhallt. Blicke mit ehrlichem Frohsinn und glühender Sehnsucht den Weiten und Nähen dieses Schauspiels, aus Irrwitz und Ratio, entgegen. Wundersam ist die Welt. Welch Wunder, dieses Etwas.

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